Towering Inferno

Towering Inferno

Im Netz fielen wir über den Bericht eines Londoner Kameraden, der in beeindruckender Weise von dem Hochhausbrand in London im Juni 2017 aus erster Hand seine Gedanken schildert und über das Geschehene berichtet. Dieser Bericht ist ins Deutsche übersetzt, auf deutsche Verhältnisse angepasst und leicht verkürzt.

Quelle: https://www.facebook.com/STUKFS/ 

Es fing wie immer an: Die Lichter gehen an und eine Computerstimme zählt die Einheiten auf. Und jedes Mal steigt die Anspannung. Beim Anziehen sehe ich auf die Uhr: Super, eine Stunde Schlaf bekommen. Was wird es denn wohl jetzt sein?

In der Fahrzeughalle bekomme ich den Alarmausdruck: Nachforderung auf 25 Löschfahrzeuge – was! Nein.

Das ist ein dicker Hund.

Und Moment, keine Ahnung wo das ist – weit außerhalb von unserem Bezirk. Wir müssen die Anfahrt nachsehen und dann sind wir auch schon raus.

Wir kommen um 1.20 Uhr an, aber wegen der Falschparker und den anderen Löschfahrzeugen die mit uns Eintreffen kommen wir nicht näher als 3-4 Straßenzüge an das Gebäude heran. Wasser wird also von den Fahrzeugen kommen müssen, die näher dran sind.

Man kann sofort sehen, wie böse das wirklich ist. Der Himmel glüht. Wir laufen und legen dabei Atemschutz an, schielen dabei auf das Gebäude um so viele Informationen wie nur möglich aufzusaugen: Wie hoch das Gebäude, wo ist das Feuer, wo geht es hin, wie viele Wohnungen brennen schon, wie viele Menschen sind wohl betroffen.

Wir stellen uns vor dem Gebäude auf. Die ersten brennenden Teile beginnen herabzustürzen. Als wir in das Gebäude reingehen, zündet die Fassade von oben bis unten durch.

Unser Brückenkopf ist im 3.Obergeschoss. Dort sollen wir einen Blick auf den Grundriss werfen, den jemand mit Edding an ein Fenster gemalt hat. Mein Partner (eine junge Mutter) und ich warten mit anderen Kollegen an der Atemschutzüberwachung auf einen Einsatzauftrag. Und dann kam er: 23. Obergeschoss, zur Menschenrettung vor!

“23. Geschoss?” wiederholte ich und sah den Abschnittsleiter fragend an? “23. OG” bestätigte sie. Kommen wir dahin mit einer Atemluftflasche?

Wir gehen los, 30kg Ausrüstung am Mann. Im engen Treppenraum geht es nur schwer voran: Andere Trupps kommen mit Opfern in alle möglichen Zuständen die Treppen runter, wir rennen hoch.

Der Rauch wird immer dicker. Ab dem 5. OG gibt es keine Etagennummern mehr. Jemand hat die Zahlen mit Wachstift an die Wände geschrieben, aber der Ruß legt sich darüber und es ist nicht mehr erkennbar.

Irgendwann ab dem 9. OG war die Sicht bei Null und die Temperatur stieg schnell an – aber weiter geht’s. Als wir im 19. oder 20. OG ankamen (genau wussten wir das nicht mehr) fand wir ein Paar, hustend und in Panik. Ein kurzer Blick auf die Druckanzeige: Wir schaffen es eh nicht mehr bis zum 23. OG und dann wieder zurück, die Luft wird zu knapp.

Das Paar schreit uns zwischen Hustenanfällen an: Da sind noch 5 weitere Personen in der nächsten Etage.

Jetzt müssen einige schreckliche Entscheidungen in kürzester Zeit getroffen werden. Im Nachhinein war es wohl nicht mehr als eine Minute, aber all diese Dinge gingen durch meinen Kopf.

Ich zähle mal einige für euch auf:

Jetzt da wir beim Treppensteigen aus dem Rhythmus sind –haben wir noch genügend Atemluft um in die nächste Etage zu kommen und dann wieder zurück?

Ist die Information über 5 weitere Personen korrekt? Immerhin sind die Informanten panisch und leiden unter Sauerstoffmangel?

Müssen wir die beiden runter begleiten oder schaffen die das selber?

Wenn wir eine Etage höher gehen, finden wir die 5 überhaupt?

Wenn wir sie finden, in welchem Zustand finden wir sie? Kann mein Trupp da überhaupt was ausrichten, wenn die zB alle bewußtlos sind?

Wen nehmen wir dann mit, wen lassen wir da?

Kommen wir überhaupt jetzt schon mit unserer Atemluft aus?

Kann ich von meiner Kollegin (junge Mutter…) überhaupt verlangen, noch mehr Risiko einzugehen?

Kann ich damit leben, Zwei ohne Risiko zu retten, aber dafür keinen Versuch zu wagen, 5 andere zu retten

Aaaah – Überleg!

Machen wir genug? Müssen wir nicht mehr machen? Habe ich irgendwas übersehen?

Stop.

Atmen.

Überlegen.

Warum habe ich eigentlich keinen anderen Trupp hier oben gesehen?

Vielleicht werden die 5 von einem anderen Trupp gefunden?

Sind wir da, wo wir glauben zu sein?

Der Funk ist gestört – habe ich irgendeine wichtige Nachricht verpasst?

Würde Rückzug angeordnet?

Ist das Gebäude noch standsicher?

Komm schon, entscheide dich! Die Leute ersticken!

Ok Ok Ok.

Scheiße. Denk nach!

Ok – so machen wir’s.

Oder soll ich das mit meiner Kollegin noch abstimmen?

Ist das richtig?

Aaaah.

Nicht irre machen lassen.

Komm schon!

Ok – Rückmeldung geben.

Alpha Control mit Sofort, kommen!

Nix.

Alpha Control mit Sofort, kommen!

Nix.

Verflucht. Wo sind die?

Alpha Control mit Sofort!!

Ich kann nicht sagen, ob sie geantwortet haben. Nur Rauschen.

Alpha Control mit Sofort!

„Hier Alpha Control“

Endlich. Meinen die mich?

Egal. Alpha Control: Zwei Personen im vermutlich 20. OG gefunden, bringen sie raus. Für unseren Auftrag im 23 OG andere Trupps einsetzen. 5 weitere Personen in der nächsten Etage vermisst“.

Keine Ahnung ob das wirklich angekommen ist.

Los geht’s, wir müssen jetzt raus. Jeder nimmt eine Person mit. Sie schreien und stolpern Jeder von uns wird von ihnen die Treppe herunterschubst weil sie so in Panik sind. Wir versuchen sie zu beruhigen. Bleibt bei uns, wir kriegen euch schon raus, bitte bleibt bei uns.

Auf dem Weg nach unten ruft mir meine Kollegin zu, dass ihr Opfer bewusstlos ist. Sie muss sie jetzt herunterschleifen, ich kann ihr nicht helfen.

Zwei Geschosse tiefer finden wir einen anderen Trupp auf dem Rückweg. Einer von ihnen trägt ein kleines Mädchen. Ich übergebe mein Opfer an den Kollegen mit zwei freien Händen. „Bitte bringt sie raus, wir sind gleich hinter euch!“.

Als ich mich umdrehe um weiter zu gehen, drückt er mir was in die Hand.

Was?

Moment!

Ein Feuerwehrhelm.

Das ist nicht gut!

Wo ist der Kollege der dazu gehört!

Ich drehe mich um und kann es sehen: Er steht neben meiner Kollegin, hat aber keinen Helm und keinen PA mehr.

“Bist du ok? Wo ist dein PA?”

Er hat es einem Opfer gegeben erzählt er uns zwischen zwei Hustenanfällen, bereits halb bewußtlos. Und trotzdem trägt er mit meiner Kollegin „ihr“ Opfer die Treppe runter. Helfen ist ein Urinstinkt.

„Runter mit dir, ich übernehme!”. Jetzt trage ich die Beine, meine Kollegin den Oberkörper. Wir gehen weiter runter, frische Teams kommen uns entgegen.

Die Restdruckwarnanzeige geht los, viel Luft habe ich nicht mehr.

Am Brückenkopf angekommen treffen wir auf einen Abschnittsleiter. Der Brückenkopf ist jetzt im 5. OG.

Der Kollege ohne PA bekommt Sauerstoff von meinem Partner. Der Abschnittsleiter übernimmt die Beine und wir beide tragen unser Opfer bis zum Erdgeschoss und übergeben es an den Rettungsdienst.

Dort kann ich endlich die Maske ablegen – frische Luft! Dachte ich. Aber die rauchgeschwängerte Luft hier ist immer besser wie die Suppe da oben.

Mit meinem Partner und dem Kollegen ohne PA verlassen wir das Gebäude. Wir sind „raus“.

Wir liegen im Gras in der Nähe des Spielplatzes. Durst! Die erste Flasche ist weg, hat kaum geholfen.

Rings um uns herum liegen andere Kollegen: Jacken offen, verschwitzt, kaum in der Lage etwas zu sagen

Alle die wir da sitzen starren auf das Gebäude, was nun komplett in Flammen steht. Flammen überall. Schwer zu glauben, dass wir da gerade drinnen waren.

Wir sehen einen Mann ganz oben, wir hören den Funkverkehr. Sie wissen, dass er da ist, aber keiner kann zu ihm gelangen – trotzdem versuchen es mehrere Trupps.

Irgendwann verschwindet er.

So langsam kommt wieder Leben in uns. Die leeren Flaschen werden ausgetauscht und wir sind wieder einsatzbereit.

Während ich noch nach mehr Getränken suche, ruft eine Frau von der Absperrung her etwas zu. Sie weint und schreit. Sie sagt im 11. OG ist ihr Freund und ihr Kind eingeschlossen. Er ist am Telefon!

Es schüttelt mich. Ich sage einem Polizisten, er soll die Info aufnehmen und weiterleiten. Zu ihr sage ich: Bleiben sie am Telefon! Nicht aufgeben! Wir kommen! Wir kommen trotzdem!

Keine Zeit mehr. Noch einen Schluck und dann geht es weiter.

Etwas später, wir stehen zusammen und warten auf Aufträge, kommt ein Einsatzleitdienst und sagt uns: Wir haben schon jede Regel und Dienstanweisung gebrochen die wir haben. Er weiß, was wir schon für Risiken eingegangen sind. Aber das reicht noch nicht – wir müssen mehr machen. Es sind noch eine Menge Leute im Gebäude, die unsere Hilfe brauchen. Er wird von uns Sachen verlangen, die normalerweise nicht vorstellbar sind. Noch mehr Risiko.

Wir sehen uns an, während er versucht uns zu motivieren noch einmal reinzugehen.

Unnötig. Das ist unser Job.

Die Kollegen, die noch vor kurzem aus dem Gebäude gestolpert sind und vor Erschöpfung auf den Rasen gekotzt haben, stehen jetzt wieder voll ausgerüstet bereit und warten auf einen Einsatzbefehl.

Viele Dinge passiert während ich draußen war, Einige Menschen konnten gerettet werden, einige unglücklicherweise nicht. Einige sprangen, eine Mutter warf ihr Baby aus großer Höhe und wurde von einem Passanten aufgefangen.

Während dieser ganzen Zeit gaben die Kollegen im Gebäude mehr als ich jemals für möglich gehalten habe.

Als der Morgen anbrach waren wir bei 40 Löschfahrzeugen angelangt und 20 weitere wurden zu Ablösung angefordert. Als wir abgelöst worden sind wollte jedoch niemand wirklich gehen weil wir weiter machen wollten, aber irgendwann war es dann soweit.

Ich tausche die Schutzkleidung und dusche. Ich dusche 3 Mal, aber ich rieche immer noch nach Rauch.

Eigentlich bin ich hundemüde, aber an Schlaf ist nicht zu denken.

Nach Schichtende gehe ich mit den Kollegen in einen Pub. Wir sitzen da, aber keiner sagt ein Wort, alle verarbeiten das Erlebte. Um uns herum wird gelacht und getrunken. Keiner von denen weiß, was wir gesehen, was wir erlebt haben…

Nun, das ist nur ein kleiner Teil von dem wir gesehen und erlebt haben in der Nacht. Andere Geschichten werden auftauchen, andere wiederum nicht. Einige werden versteckt im Gedächtnis von Feuerwehrleuten bleiben und nie in Worte gefasst werden, nie erzählt werden, aber immer da sein und für Narben in der Seele sorgen.

Ich habe nur eine Bitte:

Wenn das nächste Mal über die Kosten von Feuerwehr und Rettungsdiensten in den Medien berichtet wird oder du uns siehst, wenn wir während der Arbeit etwas zu Essen holen und dein erster Gedanke ist: „Moment, das geht doch nicht! Das bezahle ich von meinen Steuergeldern!“, dann denk bitte nach.

Denk daran, was diese Person 5 Minuten davor machen musste oder vielleicht in 5 Minuten leisten muss.

Wenn du das nächste Mal von Großeinsätzen erfährst, denk bitte an die tausende von kleineren Einsätzen die für uns genauso belastend sein können wie die großen Dinger – die es aber selten in die Schlagzeilen schaffen.

Egal was ist, egal wann, egal ob groß oder Klein – wir sind immer zuerst da. Wir sind da für die Menschen, deren Leben an einem Tiefpunkt angekommen sind. Wir sind für euch da!

Deswegen unterstützt uns bitte: ein Lächeln ab und zu reicht schon. Und wenn wir sagen, dass unser Gerät zu alt ist oder Einsparungen Leben gefährden, dann sagen wir das nicht weil wir Recht haben wollen, sondern wir sagen dass, weil es eigentlich euch betrifft.

Bitte passt auf euch auf. Und wenn doch mal was schiefläuft: Wir sind da für euch. Immer.

-ENDE-

Andere Kategorien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü